FILDERSTADT. „Was wächst denn auf nasser Watte?“, will ein interessierter junger Mann wissen, der regelmäßig den Mittwochnachmittagskurs von Andrea Weber besucht. Seit fünf Jahren ist das Filderstädter Umweltschutzreferat Kooperationspartner des Ganztagesschulbetriebs in Bonlanden.
„Die Watte wird zur Anzucht von Kresse verwendet“, erklärt ihm Andrea Weber vom Umweltschutzreferat. Die gelernte Gärtnerin und Technikerin führt die Mädchen und Jungen am heutigen sonnigen Nachmittag in die Gartenarbeit ein – in Theorie und Praxis. Während die Nachwuchsgärtner den braunen Samen auf die durchnässte Watte streuen, vermittelt die Mitarbeiterin des Umweltschutzreferates ihnen das Pflanz-Einmaleins: „Kresse ist ein leicht scharfes Küchengewürz. Die Blätter können beispielsweise in Salate, Suppen, Quarks oder einfach aufs Butterbrot geschnitten werden.“
Auf die Frage, wer dieses Gewürz denn schon kenne, schnellen vereinzelte Hände empor. Die übrigen Teilnehmenden bestaunen ein wenig skeptisch den Samenteppich auf der nassen Watte. Dann fährt Andrea Weber fort: „Kresse ist ein so genannter Lichtkeimer, der nicht mit Erde bedeckt wird. Er enthält unter anderem viele Vitamine sowie Mineralstoffe, wirkt antibakteriell und kann die Verdauung anregen.“
„Und wann sieht man etwas?“, fragen die ungeduldigen Junggärtner. „Die Kresse kann bereits nach vier bis acht Tagen geerntet werden – gesetzt den Fall, ihr gießt sie regelmäßig“, erklärt Andrea Weber in aller Ruhe. Im Anschluss daran geht’s an die „Dunkelkeimer“. Die kleinen Hände der Fünft- und Sechstklässler drücken Löcher in die mit Erde gefüllten Plastiktöpfchen. Dann lassen sie weiße Salatsamen – die an Reiskörner erinnern – in die Öffnungen plumpsen. Erde und Wasser darüber – fertig. Der Kopfsalat, der übrigens schon im alten Ägypten angebaut wurde, kann sprießen...
Jede Menge Praxis
Bei seinem Ganztagesschulangebot legt das Umweltschutzreferat großen Wert auf den Praxisteil. So marschieren die Teenager mit Andrea Weber – ausgerüstet mit Hacke, Schaufel und Besen - zum kleinen Schulgarten des Bildungszentrums. Bevor es gilt, den Teich zu reinigen, die Kräuterspirale auf Vordermann zu bringen, das Hochbeet für neue Pflanzen vorzubereiten und den Platz vom Müll zu befreien, wird Grundlegendes geklärt: „Wie trägt man eigentlich das Werkzeug richtig, um sich nicht zu verletzten?“. Die Expertin erklärt’s. Dann macht sich die kleine Gruppe an die Arbeit... Nach den Wintermonaten gibt es jede Menge zu tun. Also werden rasch die Ärmel hochgekrempelt.
Das Mittwochnachmittagsangebot des Filderstädter Umweltschutzreferates kommt bei den Jugendlichen gut an. „“Ich bin gerne draußen im Garten. Außerdem machen wir so etwas natürlich nicht in der Schule“, sagt der 12-jährige Martin aus Bonlanden. Auch der gleichaltrige Niklas stellt dem Ganztagesschulkurs gute Noten aus: „Es gibt immer wieder andere Angebote. Es macht immer besonderen Spaß, wenn wir rausgehen.“
Andrea Weber, die die Mädchen und Jungen engagiert für die Belange des Umweltschutzes sensibilisiert, lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen: Mal wird gegärtnert, mal mit Naturmaterialien gebastelt und gewerkelt oder einfach etwas Leckeres gebacken. Mal stehen Themen wie die Abfallbeseitigung, Klär- oder Biogasanlagen, mal Naturdenkmäler wie die Haberschleiheide oder Streuobstwiesen samt Flora und Fauna auf dem freiwilligen „Lehrplan“. „Es gibt noch viel zu entdecken“, freut sich die Mitarbeiterin des Umweltschutzreferates auf viele weitere Mittwochnachmittage in Bonlanden... (sk)
Nachgehakt bei Simone Schwiete
„Es ist wichtig, das Umweltbewusstsein von Kindern frühzeitig zu schärfen“
Die Diplom-Biologin Simone Schwiete ist eine der beiden Leiterinnen des Filderstädter Umweltschutzreferates.
? Das Filderstädter Umweltschutzreferat engagiert sich im Ganztagesschulbetrieb des Bildungszentrums Seefälle in Bonlanden. Wie ist es dazu gekommen?
SIMONE SCHWIETE: Als die Einrichtung der Ganztagesschule ins Gespräch kam, haben wir die Chance gesehen, das Umweltbildungsangebot des Umweltschutzreferates auf einen kontinuierlichen Umweltunterricht auszuweiten. Als das Bildungszentrum Seefälle dann Kooperationspartner gesucht hat, sind wir gleich auf den Zug aufgesprungen.
? Welche Motivation steckt hinter der Arbeit an Schulen?
SIMONE SCHWIETE: Wir haben häufig die Erfahrung gemacht, dass Veranstaltungen, die wir mit Schulklassen durchgeführt haben, wie zum Beispiel Bauernhofrallyes, Gewässerforscher oder Führungen durch unsere Ausstellungen im Schulunterricht vor und /oder nachbereitet wurden. Die Themen waren dadurch sehr präsent bei den Schülerinnen und Schülern. Im Rahmen der Ganztagesschule können wir einen festen Stamm von Schülerinnen und Schülern jede Woche mit verschiedenen Umweltthemen vertraut machen und diese stärker in den Alltag der Kinder integrieren. Sie sollen sich darüber bewusst werden, was die Umwelt mit ihnen persönlich zu tun hat. Das ist eine gute Ergänzung zu den eher punktuellen Angeboten von beispielsweise Naturerlebnistagen mit einzelnen Schulklassen oder den Ferienangeboten mit freier Anmeldung, die sich auf jeweils ein Thema beschränken.
? Die Umweltbildung und –erziehung für Kinder und Jugendliche liegt Ihnen und Ihren Kolleginnen sehr am Herzen. Was kann in jungen Jahren bereits bei den „Bürgerinnen und Bürgern von morgen“ erreicht werden?
SIMONE SCHWIETE: Kinder und Jugendliche sind bekanntermaßen begeisterungsfähig und offen für vieles. Da kann man auf spielerische Weise eine Sensibilisierung und ein Bewusstsein für umweltthematische Zusammenhänge erreichen. Gerade im Naturerlebnisbereich kann man auf viele schöne Dinge aufmerksam machen und im Medienzeitalter die Sinne schärfen. Eine richtige Betroffenheit zeigte sich, als wir in der Ganztagesschule einmal die Inhaltsstoffe so genannter Kinderlebensmittel unter die Lupe genommen und den Zuckergehalt in Relation gesetzt haben.
? Was hat das Umweltschutzreferat bislang für Kinder und Jugendliche in Filderstadt angeboten?
SIMONE SCHWIETE: Das Angebot variiert mit den aktuell vorhandenen Kapazitäten. Neben dem wöchentlichen Umweltunterricht haben wir ein Ferienprogramm mit Nisthilfen bauen, einer Fledermausnacht, Gewässerforschern, einem Herbstaktionstag mit Oberbürgermeisterin Gabriele Dönig-Poppensieker, Veranstaltungen zu den Tieren des Waldes und zum Lebensraum Hecke angeboten. Im Rahmen unserer Obstbaumschnittkurse hatten wir ein Begleitprogramm für Kindern zum Leben in den Streuobstwiesen.
Bei Ausstellungen bieten wir Schulklassen und Kindergartengruppen Führungen an, dazu kamen Naturerlebnistage am Gewässer sowie Bauernhofrallyes zu den Themen Milcherzeugung und Gemüse der Saison.
? Was können Eltern gezielt tun, um ihre Kinder für die Belange des Umweltschut-zes frühzeitig zu sensibilisieren?
SIMONE SCHWIETE: Ganz wichtig finde ich, den Kindern das Bewusstsein für das Alltägliche, die vermeintlichen Kleinigkeiten, frühzeitig zu schärfen, denn das ist in der Summe ganz viel. Dazu sollte man Zusammenhänge immer wieder erklären: vom sparsamen Umgang mit Wasser und Strom, warum wir nicht jeden Weg mit dem Auto fahren, über die Verpackung von Produkten, über Transportwege von Erdbeeren im Winter, Aufmerksamkeit für die Natur wecken,... Damit die Kinder sich darüber im Klaren werden, wie sie mit ihrem Lebensstil die Umwelt beeinflussen und sich ganz bewusst entscheiden können. (sk)

