Filderstadt führt den Genderstern ein:

Sprache als Wertschätzung aller Bürger*innen

Lupe auf das Gendersternchen
Foto: Silke Köhler

FILDERSTADT. Sprache kann vieles: Sie bildet gesellschaftliche Veränderungen ab, prägt das Bewusstsein der Menschen und schafft Wertschätzung. In Sachen „geschlechtergerechte  Kommune“ spielt Filderstadt bundesweit eine führende Rolle. Die zweitgrößte Stadt im Landkreis Esslingen setzt im dienstlichen Schrift- und E-Mail-Verkehr auf eine „geschlechtersensible Sprache“ und auch auf die Einführung des so genannten „Gendersterns“.

So heißt es ab sofort in offiziellen Briefen, Broschüren, Drucksachen, Formularen, Präsentationen, Satzungen, Hausmitteilungen und Flyern beispielsweise: „Bürger*innen“, „Mitarbeiter*innen“, „Anwohner*innen“, „Filderstädter*innen“, „Schüler*innen“, „Lehrer*innen“ und so weiter. „Diese Schreibform soll deutlich machen, dass Frauen und Männer gemeint sind – gleichzeitig aber auch jene, die sich einem dritten Geschlecht zugehörig fühlen“, erklärt Dr. Susanne Omran, die Leiterin des Referats für Chancengleichheit, Teilhabe und Gesundheit. Ihre Auffassung: „Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit sind die Grundlagen unserer Kommunikation.“

Susanne Omran ist von der beherzten Umsetzung der „geschlechtersensiblen Sprache“ in der Verwaltung keineswegs überrascht: „Filderstadt ist seit jeher eine aufgeschlossene Kommune, die sich frühzeitig gesellschaftlichen sowie sozialen Veränderungen stellt, diese aufgreift und auch umsetzt.“ In diesem Zusammenhang erinnert die Referatsleiterin unter anderem an die Filderstädter Pionierarbeit in Sachen Einführung einer Gleichstellungsbeauftragten, eines Umweltschutzreferats, eines Referats für Bürgerbeteiligung und Stadtentwicklung, eines (direkt gewählten) Jugendgemeinderats oder an die Umsetzung von wegweisenden Aktionen wie „Filderstadt fährt Rad“ oder das Themis-Projekt („fiktive Wahl“ von Themen anstatt von Parteien/Wählervereinigungen). Kein Zweifel: Filderstadt ist bereit für den (Gender-) Stern…

Flyer und Schulung der Beschäftigten

„Filderstadt – eine Stadt, viele Möglichkeiten“: Gemäß diesem Motto werden nun neue Chancen genutzt, alle Menschen in der Stadt – egal wessen Geschlecht - mit der Sprache zu erreichen, sie in das gemeinschaftliche Lebensgefühl einzubinden. Offen, selbstverständlich, diskriminierungsfrei. Omran: „Die Zeiten sind überholt, in denen sich Frauen und Intersexuelle bei der Verwendung männlicher Sprachformen automatisch mitgemeint fühlen mussten.“ Sie favorisiert - wenn möglich - grundsätzlich Formulierungen, die ohne einen Genderstern auskämen. Beispiele hierfür sind: die Sachbearbeitung (anstelle von Sachbearbeiter*innen), Teamleitung (anstelle von Teamleiter*innen), Fachkraft (anstelle von Fachmann/Fachfrau), Redepult (anstelle von Rednerpult), Beschäftigte (anstelle von Mitarbeiter*innen), in Kooperation mit (anstelle von Kooperationspartner), Hierzu haben das Referat für Chancengleichheit, Teilhabe und Gesundheit sowie das Haupt- und Personalamt der Stadt Filderstadt eigens den Flyer „Regelungen für die Verwendung geschlechtersensibler Sprache“ herausgegeben. Zudem schulen sie die kommunalen Beschäftigten. Auch das städtische Amtsblatt verfolgt die Grundsätze einer „geschlechtssensiblen Sprache“ – ohne jedoch in journalistischen Artikeln (im redaktionellen Textteil) den Genderstern zu verwenden. Dies begründet sich aus dem Anspruch des Leseflusses und ist noch so im Redaktionsstatut festgelegt.

„Wir achten das Grundgesetz“

Sprache mit und ohne Genderstern… Oberbürgermeister Christoph Traub stellt diesbezüglich klar: „Wir beschäftigen uns mit der Thematik der „geschlechtersensiblen Sprache“ – nicht aus Jux und Tollerei oder gar aus Langeweile. Nein, wir achten schlichtweg das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Das Stadtoberhaupt erinnert an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2017. Darin hätten die Karlsruher Richter entschieden, dass im so genannten „Personenstandsrecht“ neben männlich und weiblich auch der Eintrag eines dritten Geschlechts ermöglicht werden müsse. Traub: „Und genau daran halten wir uns – sei es im Rahmen unserer städtischen Stellenausschreibungen (die auch die Geschlechtsbezeichnung „divers“ enthalten) oder nun auch in unserem dienstlichen Schrift- und E-Mail-Verkehr.“

„Sprache ist im Fluss“

Beim Blick auf die Umsetzung der geschlechterumfassenden Sprache in Filderstadt unterstreicht Susanne Omran eines: „Dies ist ein kreativer Prozess, der nicht von heute auf morgen vollständig umgesetzt werden kann. Die Neuerungen benötigen Zeit.“ Beim Genderstern erinnert sie an das Sternchen auf einer Computertastatur: „Dies ist auch ein Multiplikationszeichen wie die Multiplikation des Geschlechts. Das passt!“ Kritikstimmen, die eine „Veränderung der deutschen Sprache“ befürchten, setzt die Referatsleiterin entgegen: „Sprache befindet sich seit Anbeginn im Fluss, passt sich den gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen ihrer Zeit kontinuierlich an“… In diesem Zusammenhang verweist sie unter anderem auf die vielen Anglizismen, die inzwischen wie selbstverständlich zur deutschen Sprache gehören: Baby, Tennis, Computer, Film, Service, Camping, Hobby, Bar, Tattoo, Jeans, Clown, Altglas-Container, Quiz, Popstar, Reporter, Model, Deodorant, Trick, Job, Leasen, Festival, Show, Ausdauer-Sport, Zoomen, Laptop, Boxen und vieles mehr. Filderstadt ist – wie gesagt – eine Kommune, die auch für Veränderungen in den unterschiedlichsten Bereichen steht. Und sie bleibt auch nicht bei der Realisierung der „geschlechtersensiblen Sprache“ stehen. Es geht weiter. Derzeit startet ein Projekt in der Stadt, das aufzeigen soll, wie Geschlechtergerechtigkeit in der Praxis umgesetzt werden kann. In der Lenkungsgruppe sind Gemeinderat und Verwaltung vertreten. Den Vorsitz führt Oberbürgermeister Christoph Traub persönlich. Susanne Omran formuliert das Ziel so: „Bei sämtlichen Verwaltungsvorgängen muss der Blick künftig für ALLE Geschlechter geöffnet sein.“ (sk)

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