Podcast-Aufzeichnung „Blume & Ince“ mit Christoph Traub und Dilnaz Alhan
Es geht um Menschen, Menschenrechte und Menschlichkeit
FILDERSTADT. Zwei Männer, Freunde, Deutsche, Filderstädter und Wissenschaftler „talken“ regelmäßig über aktuelle Themen aus den unterschiedlichsten Perspektiven – mal lustig, auch mal streitbar, aber niemals „trocken“ oder „radikal“. Die Rede ist von Dr. Michael Blume (Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus) und Professor Inan Ince (Betriebswirt, Wirtschaftswissenschaftler sowie Ex-Manager in der Unternehmensberatung). Dieser Tage haben die beiden ihr bekanntes Dialogformat verlassen und zwei Gäste zur Live-Aufzeichnung ihres Podcasts „2 Stimmen, 4 Kulturen“ in die Stadtbibliothek nach Bernhausen eingeladen – zum einen Filderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub, zum anderen Dilnaz Alhan (Freie Journalistin und Menschenrechtsaktivistin). Der Titel der Folge 52: „Kurdistan und Syrien im Fokus“.
„Hallo Herr Doktor“, „Hallo Herr Professor!“ – nach der obligatorischen Podcast-„Eingangsfloskel“ kamen die Gastgeber Blume und Ince direkt auf den Punkt: „Warum beschäftigt sich ein Filderstädter Oberbürgermeister mit weit entfernten Ländern und fremden Kulturen? Was haben wir Europäer, Deutsche oder Filderstädter*innen mit Kurdistan und Syrien zu tun?“ Fragen über Fragen, auf die die Talkgäste im Laufe der Veranstaltung immer wieder eingingen und diese mit klaren Botschaften und Haltungen beantworteten.
Der Hintergrund: Das Stadtoberhaupt hatte bereits beim diesjährigen Neujahrsempfang in der FILharmonie durch die Einladung von Vertretenden der baden-württembergischen Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit (kurz SEZ) zum 35-jährigen Bestehen der Organisation auf die Themen Kurdistan und den Irak aufmerksam gemacht. Schon damals betonte Christoph Traub, dass „seine“ Große Kreisstadt dafür stehe, auch über den kommunalen Tellerrand hinauszuschauen und nicht nur für sich, sondern auch für andere in der Welt ihre Stimme zu erheben.
Darüber hinaus wies das Stadtoberhaupt erneut darauf hin, dass im Jahre 2015 der Filderstädter Michael Blume maßgeblich in die Rettung und Überführung von rund 1.100 schutzbedürftigen kurdischen Jesidinnen und ihren Kindern aus dem Nordirak nach Baden-Württemberg eingebunden gewesen sei. Ein Rückblick: Das humanitäre Projekt bot damals traumatisierten Frauen und Kindern Schutz vor dem Terror und Völkermord (Genozid) des Islamischen Staats (IS). Seit diesem Hilfsengagement des Landes habe er „als Oberbürgermeister und auch als Mensch viel Interesse und Herz“ für diese Thematik entwickelt. Christoph Traub: „Davor hatte ich über Kurdistan auch nur Karl-May-Wissen.“
Auch anderen Menschen eine Stimme geben
Seit vielen Jahren setzt sich Filderstadts Oberbürgermeister dafür ein, Jesidinnen, Jesiden, Kurdinnen und Kurden sowie weiteren Menschen, die weltweit unter Unterdrückung, Verfolgung oder Assimilation (vollständige Angleichung einer Minderheit an eine Mehrheitsgesellschaft – oft unter Verlust der eigenen kulturellen Identität) leiden, eine Stimme zu geben. Seine Intention: Sie sollten sichtbar werden können, den Mut erlernen, sich zu ihrer eigenen Identität zu bekennen – weltweit, aber gerade auch in Filderstadt. Für ihn stehe stets der Mensch – unabhängig seiner Herkunft und Religion – im Mittelpunkt. Traub: „Für mich ist die kommunale Ebene auch die Wahrheitsebene.“ Vor Ort erlebten Menschen die Auswirkungen von Politik direkt – und dies „ohne innenpolitische Interessen oder weltweite Kämpfe um Ressourcen“. Der Rathauschef stellt unmissverständlich klar: „Wir tragen hier die Verantwortung, dass es nicht dazu kommt, dass wir Menschen schützen müssen, die zum Schutz zu uns gekommen sind …“
Auch Michael Blume und Inan Ince wissen um die „Realität“ („Das Thema ist vielen noch fremd“). Sie wünschen sich Offenheit gegenüber Unbekanntem und Neuem, den Abbau von Vorurteilen, Ressentiments, Klischees und Pauschalverurteilungen von Fremden. Blume: „In unserem freien Deutschland ist es völlig okay, anders zu sein. Und jede(r) darf sich auch dazu bekennen.“ Ince ergänzt: „Man muss nicht jeden kennen oder mit jedem befreundet sein. Nein. Es geht vielmehr um Menschen, Menschenrechte, Menschlichkeit sowie um Empathie für andere, die unterdrückt, verfolgt werden und ihre geliebte Heimat verlassen müssen.“ Der Professor unterstreicht: „Niemand flieht allein aus rein wirtschaftlichen Gründen.“
„Was kann ich persönlich für mehr Frieden tun?“
„Was kann ich persönlich für mehr Frieden in der Welt tun?“ – eine Frage, die Michael Blume immer wieder gestellt wird. Seine Antwort ist klar und deutlich: „Anderen Menschen, die zum Beispiel in Not oder geflohen sind, zuhören, mit ihnen sprechen und sich solidarisch erklären.“ Zudem kämpfe er weiterhin für „erneuerbare Friedensenergien“ – sprich eine Abkehr von den Rohstoffen Öl und Gas. Gerade auch im Nordirak komme es immer wieder zu Konflikten und Kriegen aus wirtschaftlichen Interessen – dem Streit um Ressourcen. Blume: „Sonst finanzieren wir auch noch diesen Wahnsinn mit.“
Die Deutsch-Kurdin Dilnaz Alhan erhebt beruflich wie privat ihre Stimme – für sich, ihre „Landsleute“ sowie weltweit Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind. „Was brauchen wir? Wir wollen gesehen und gehört werden. Wir wollen ohne Angst unsere eigene Identität leben (wir sind nicht ,nur‘ Teil von etwas anderen). Und wir wünschen uns von der internationalen Politik und der Gesellschaft vor allem eines: Solidarität.“ Die Journalistin und Aktivistin warnt zudem: „Der Krieg im Nahen Osten betrifft uns auch in Europa und Deutschland.“ In diesem Zusammenhang erinnerte Dilnaz Alhan unter anderem an die zahllosen kürzlich aus den Gefängnissen freigelassenen IS-Kämpfer im Nordirak. Diese stellten zweifellos eine Gefahr (Attentate) für die restliche Welt dar. Ihr Appell: „Das müssen wir im Blick haben.“
„Filderstadt ohne engagierte Kurden nicht mehr vorstellbar“
Für Filderstadts Oberbürgermeister gibt es viele Gründe, seinen Blick in die Welt und auf Menschen unterschiedlichster Herkunft in „seiner“ Stadt zu richten – beispielsweise auf kurdische Bürger*innen. Er wünscht sich von der Politik und der Gesellschaft eine „Haltung des Wahrnehmen-Wollens“, da diese Bevölkerungsgruppen in der Großen Kreisstadt bereits wichtige Aufgaben für die Kommune und ihre Bevölkerung übernommen hätten. Seine persönliche Erfahrung: „Ich könnte mir meine Stadt und meine Verwaltung ohne engagierte Kurdinnen und Kurden nicht mehr vorstellen. Ohne sie würde manches nicht mehr funktionieren.“ Christoph Traub wirbt daher für eine bunte, vielfältige und friedliche Stadt Filderstadt. Diese Podcast-Folge 52 von „Blume & Ince“ kann auf YouTube, RTL+, Spotify und Podigee angehört werden. (sk)
