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Das Filder-Spitzkraut

 


Die Filder und das Spitzkraut (“Filderkraut”)
 
Werbemarke der Firma Sauerkraut-Briem
in Bernhausen von ca. 1910 

Die Filder sind eine Ebene südlich von Stuttgart, rund 10 - 15 km entfernt vom Stadtzentrum. Durch den sehr fruchtbaren Lößlehm besitzen die Filder gute Voraussetzungen für den Gemüsebau. Seit dem späten Mittelalter trugen die Filder zur Nahrungsmittelversorgung der nahe gelegenen Residenzstadt Stuttgart bei.

 

Wurde Kraut ursprünglich nur in Hausgärten angepflanzt, so finden sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts Belege über den Krautanbau auf den Feldern in Bernhausen und Echterdingen. Dies bestätigen auch Statistiken über Kraut als Teil des „Kleinen Zehnts“, der ein Teil der Pfarrbesoldung war.

 

Eine pflanzliche Besonderheit ist das “Spitzkraut”. Es wurde erstmals im Jahr 1772 durch den Bernhäuser Pfarrer Johannes Bischoff erwähnt, ist aber sicherlich älter. Die Ursprünge über die Züchtung zu dieser spitzen Form liegen im Dunkeln, der Überlieferung nach soll es eine Züchtung der Mönche des nahe gelegenen Klosters Denkendorf gewesen sein.

 

Als Folge der Verstädterung im 19. Jahrhundert wurden die Filder zu einem Gebiet mit intensivem Gemüsebau mit Schwerpunkt Filderkraut. Das Absatzgebiet lag in der nahe gelegenen Großstadt, aber auch in vielen anderen Kleinstädten im gesamten Württemberg.

Krautbauer bei einem Festzug in Sielmingen 1950

Eine Besonderheit war die Selbstvermarktung durch die Krautbauern per Fuhrwerk. Die Erschließung der Filder durch die Eisenbahn 1888/1897 (seit 1902 als Normalspur) führte dazu, dass die Krautköpfe im großen Stil zu den Absatzmärkten transportiert werden konnten. Die Filderbahn bedeutete eine besondere Chance für die Selbstvermarktung, das Kraut wurde im Eisenbahn-Waggon an den Zielbahnhof befördert, und von dort mit dem Pferdefuhrwerk zu den einzelnen Kunden gebracht.

 

Zwischen 1895 und 1930 entstand in Bernhausen, Echterdingen, Möhringen und Plieningen und Sielmingen eine große Zahl von Krautfabriken, für die ebenfalls die Filderbahn eine zentrale Rolle spielte.

 

Zwischen 1902 und 1906 erreichte der Krautanbau auf den Fildern mit fast 900 ha Anbaufläche einen ersten Höhepunkt, der bald im Zuge der Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg noch übertroffen wurde. Die Hauptanbaugebiete befanden sich in Bernhausen, Echterdingen, Möhringen, Plieningen, Scharnhausen und Sielmingen.

 

Vor allem die Bauern aus Bernhausen und Sielmingen vermarkteten ihr Kraut selbst: Jeder Bauer hatte in einem bestimmten Gebiet in Württemberg sein festes Verkaufsrevier, das gegenseitig respektiert wurde. Diese Selbstvermarktung wurde seit den 50er Jahren mit dem LKW fortgesetzt, vor allem an Großabnehmer wie Kantinen, Gastwirtschaften, kleinere Supermärkte usw. Mit der Entstehung der Sauerkrautkonserve, aber auch im Zuge der Konzentration des Lebensmittelhandels verlor sich die Selbstvermarktung weitgehend.

 

1930 wurde in Bernhausen die erste Krauthalle in Württemberg erbaut. Es sollte verhindert werden, dass unmittelbar nach der Ernte im Herbst ein Überangebot an Kraut entstand und dadurch die Preise verfielen. Durch Einlagerung ließ sich der Preis stabilisieren, außerdem konnten die Bauern nun bis Weihnachten Kraut anbieten. Der Bau weiterer Krauthallen in den Nachbarorten scheiterte wegen der Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929. In den 50-er Jahren erlebte der Krautanbau mit dem Aufkommen der Sauerkrautkonserven noch einmal einen großen Aufschwung. 1970 gab es auf den Fildern etwa 15 Sauerkrautfabriken, heute sind es gerade noch 3, nämlich in Filderstadt-Bernhausen, Filderstadt-Sielmingen und Aichtal-Grötzingen.

 

Zur besseren Vertretung ihrer Position gegenüber den Krautfabriken gründeten die Bauern nach dem Zweiten Weltkrieg eine Absatzgenossenschaft, die bis Anfang der 1990er Jahre Bestand hatte, ein Grund dafür, dass sich die kleinbäuerliche Landwirtschaft auf den Fildern länger halten konnte als in anderen Regionen. Seit den 70-er Jahren verlangten die Krautfabriken an Stelle von Spitzkraut nur noch Rundkraut, da sich dieses leichter maschinell verarbeiten lässt. Ein weiterer Grund für den Rückgang des Spitzkrauts war die Tatsache, dass sich Rundkraut wesentlich länger lagern lässt. Heute macht der Anteil des Spitzkrauts gerade noch 10% aus.

 

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist auch auf den Fildern die Landwirtschaft stark zurückgegangen: Von über 3000 landwirtschaftlichen Haupt- und Nebenerwerbsbetrieben im Jahre 1950 blieben bis heute kaum 200 übrig. Neben den strukturellen Problemen der Landwirtschaft spielt hier auch die nahe gelegene Großstadt mit ihrem Siedlungsdruck und dem damit verbundenen Flächenverbrauch für Wohn- und Verkehrsflächen, darunter auch für den Stuttgarter Flughafen, eine Rolle.

 

Kraut spielt auf den Fildern durchaus noch eine Rolle, die Anbaufläche beträgt heute rund 250 ha, es gibt mehrere private und eine genossenschaftliche Krauthalle, neben den drei Krautfabriken betreiben vier Landwirte in Bernhausen selbst Sauerkrautherstellung, insgesamt sieben Landwirte vermarkten ihre Produkte über den Stuttgarter Großmarkt.

 

Seit dem starken Rückgang von Spitzkraut wurde dieses ehemalige Markenzeichen der Filder zum Objekt der Folklorisierung. Bereits 1939 dichtete der Echterdinger Organist und Kirchenmusiker Emil Kübler eine schwäbische “Sauerkraut-Kantate”.

 

Seit 1979 findet in Leinfelden-Echterdingen jedes Jahr im Oktober das “Krautfest” statt, das sich großer Beliebtheit erfreut. Im benachbarten Filderstadt-Bernhausen erhielt das Spitzkraut im Jahre 1996 in der Fußgängerzone ein Bronze-Denkmal, die so genannte “Kraut-Marie” von Kurt Grabert, gestiftet durch den in Bernhausen geborenen Industriellen Karl Schlecht.

Krautbauer bei einem Festzug in Sielmingen 1950

 

 

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