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Die Filderbahn

 

Am heutigen S-Bahnhof in Bernhausen erinnert das alte Bahnhofsgebäude daran, dass hier schon einmal eine Eisenbahn fuhr. Es entstand im Jahr 1897, als die südlichen Filder durch die Schmalspurbahn Möhringen – Echterdingen – Bernhausen – Sielmingen – Neuhausen erschlossen wurden.

Wie kam es zum Bau dieser Bahn ?
Bernhausen lag seit Jahrhunderten an einer viel befahrenen Fernstraße zwischen Stuttgart - Metzingen - Blaubeuren und Ulm. Als 1850 die Eisenbahnlinie Stuttgart - Ulm fertig gestellt wurde, verlagerte sich der Verkehr auf die Schiene, die Filder lagen plötzlich abseits der Verkehrswege, was weitreichende Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung hatte.

Als in den 1860er Jahren über den Verlauf einer Bahn in den Schwarzwald diskutiert wurde, forderte 1865 ein "Filderbahncomité einer Anzahl Fildergemeinden", die Bahnlinie über Sillenbuch – Plieningen – Echterdingen – Leinfelden zu bauen. Wäre diese Strecke so gebaut worden, hätten sich die Filder möglicherweise zu einem bevorzugten Industriestandort entwickelt. Tatsächlich wurde jedoch 1879 die Gäubahn über den Westbahnhof und über Vaihingen geführt.

Der entscheidende Impuls ging schließlich von privater Seite aus. 1884 gründete der Esslinger Lokomotivenhersteller Emil Kessler jun. eine private Aktiengesellschaft, die Filderbahngesellschaft AG und baute die Zahnradbahn Marienplatz - Degerloch. Vier Jahre später wurde die Bahn von Degerloch über Möhringen bis Hohenheim als Schmalspurbahn erweitert. Für eine Fortführung der Filderbahn fehlte dann jedoch das Geld. Die südlichen Fildergemeinden mussten schließlich die Hälfte der Baukosten in Form von Aktienkapital aufbringen, erst dann - nämlich 1897 - wurde die Bahn zwischen Möhringen und Neuhausen gebaut.

 

  Der Erfolg der Eisenbahn übertraf alle Erwartungen:
Viele Handwerker und Tagelöhner hatten nun die Möglichkeit, in Stuttgart eine Arbeitsstelle zu suchen, vor allem als Bauhandwerker, und trotzdem weiterhin in ihrem Dorf zu wohnen. Wegen der langen Arbeitszeiten waren es allerdings zunächst zu einem großen Teil Wochenend-Pendler, erst mit Einführung des Acht-Stunden-Tags 1918 überwogen die Tagespendler.

In Bernhausen stieg der Anteil des produzierenden Gewerbes zwischen 1895 und 1905 von 18% auf 39%, gleichzeitig sank der Anteil der Landwirtschaft von 79% auf 55%.

Es ist kein Zufall, dass sich in jenen Jahren grundlegende Neuerungen vollzogen:

  • Anstieg der Einwohnerzahl, die im 19. Jahrhundert stattfindende Abwanderung von den Filderdörfern konnte gestoppt werden.
  • Es kam zu einem regelrechten Boom im Wohnungsbau, und zwar in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof, z. B. die Aicher Straße und Tübinger Straße in Bernhausen oder die Bahnhofstraße in Sielmingen.
  • Gründung neuer Vereine wie z. B. 1899 Turnvereine in Bernhausen und Harthausen, 1900 Sängerbund Sielmingen, 1899 Arbeitergesangverein Bonlanden und 1907 Radfahrerverein Pfeil in Plattenhardt.
  • Entstehung von Fremdenverkehr: Seit dem Bau des Uhlbergturms 1903 kamen am Wochenende zahlreiche Stuttgarter mit der Bahn auf die Filder, um eine Wanderung dorthin zu unternehmen.
  • Auch die Bauern nutzten die Filderbahn zum Verkauf des Filderkrauts, außerdem profitierte die Krautfabrik Briem von ihrer Nähe zum Bahnhof, in den 20er und 30er Jahren entstanden zahlreiche weitere Krautfabriken in Bernhausen.
  • Die Zunahme der Arbeiter innerhalb der Bevölkerung veränderte die Wahlergebnisse: In allen Stadtteilen erzielten die Sozialdemokraten starke Gewinne.

Eines passierte jedoch nicht: Die Filderbahn führte nicht dazu, dass sich auf den südlichen Fildern Industriebetriebe ansiedelten, so sehr sich die Gemeinden auch darum bemühten.

1920 wurde die private Filderbahn an die Reichsbahn und die Stuttgarter Straßenbahnen AG verkauft, die Strecke Neuhausen-Echterdingen ging an die Reichsbahn. Diese baute nun ein Verbindungsstück Echterdingen – Leinfelden – Vaihingen. Damit verlängerte sich aber die Fahrzeit erheblich. Viele Tagespendler nahmen deshalb dankbar das Angebot von privaten Buslinien an, die seit 1925 (zunächst noch auf Lastwagen) einen direkten Linienverkehr von Bonlanden, Harthausen und Plattenhardt nach Stuttgart führten. Seit 1927 gab es auch Konkurrenz von einer öffentlichen Buslinie, der Linie N zwischen Degerloch und Nürtingen.

Zwar spielte die Filderbahn beim Bau von Autobahn (1934-36) und Flughafen (1937-39) eine wichtige Rolle für den Transport von Baumaterial, der Rückgang des Personenverkehrs war allerdings nicht mehr aufzuhalten. Ein kurzes Intermezzo war schließlich die Zeit des Zweiten Weltkriegs, da Mangel an Benzin herrschte und deshalb immer weniger Busse fuhren. Der Abwärtstrend beschleunigte sich hingegen nach 1945 um so stärker, im Jahr 1955 wurde der Personenverkehr schließlich stillgelegt.
Für den Güterverkehr hatte die Bahn hingegen noch eine beträchtliche Bedeutung: Nicht zufällig liegen die Industriegebiete von Leinfelden, Echterdingen, Bernhausen, Sielmingen und Neuhausen direkt an der Bahnlinie.

1983 wurde die Bahn schließlich endgültig stillgelegt, die Gleise dann rasch abgebaut. Heute führt ein beliebter Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse.
Mit der Fertigstellung der S-Bahn 2001 erhielt Bernhausen nach 46 Jahren wieder den Anschluss an das Schienennetz.

Literatur:
Die Filderbahn. Hg. von der Stadt Filderstadt und der Geschichtswerkstatt Filderstadt. Filderstadt ²1993 (vergriffen).
Nikolaus Back: 100 Jahre Filderbahn. In Schwäb. Heimat 1998/1 S. 56-66. (auch als Sonderdruck erhältlich)

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