Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters gut besucht

Von „Stimmung“ bis „Stimme“ – für sich aber auch andere…

Blick in den Saal mit der Besuchermenge auf die Bühne
Der Neujahrsempfang von Oberbürgermeister Christoph Traub - traditionell wie neu.
3 Menschen auf der Bühne während einer Podiumsdiskussion
Die Talkrunde auf der Bühne: (von links) Philipp Keil, der Geschäftsführende Vorstand der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit (SEZ), Moderator Christoph Traub sowie Paruar Bako, Gründer und zweiter Vorsitzender der Organisation „Greened Bridge e.V.“.

FILDERSTADT. Der gut besuchte Neujahrsempfang von Oberbürgermeister Christoph Traub hat es vergangenen Sonntag einmal mehr deutlich gemacht: Die Große Kreisstadt Filderstadt steht dafür, dass sie ihre „Stimme“ nicht nur für sich erhebt, sondern ihren verantwortungsvollen Blick auch über den lokalen Tellerrand hinaus schweifen lässt. Der Tenor: Veränderung für die eigene Person, die kommunale Heimat, das Land oder gar die globale Welt fange stets bei einem selbst an. Das Stadtoberhaupt machte Mut, in einer starken (Stadt-)Gemeinschaft sowie mit Zuversicht ins Jahr 2026 durchzustarten.

Oberbürgermeister Christoph Traub achtet Traditionen. Er schätzt es jedoch auch, Liebgewonnenes ein wenig „aufzulockern“ und bewusst neue, zeitgemäße Wege zu gehen. Da bildet der alljährliche städtische Empfang in der FILharmonie in Bernhausen keine Ausnahme. So wurde nun der Veranstaltungszeitpunkt in den Nachmittag verlegt, die persönliche Begrüßung des Rathauschefs samt Handschlag, Gläschen Sekt und der Ausgabe der beliebten „Filderstädter Chronik“ von Stadtarchivar Dr. Nikolaus Back ans Eventende verschoben. Ferner eröffnete der vielseitige „Markt der Möglichkeiten“ das fröhliche Beisammensein im Kultur- und Kongresszentrum, statt den Neujahrsempfang damit (wie bisher) ausklingen zu lassen.

Bei allen Veränderungen wurde gerne weiterhin auch „Klassisches“ gepflegt: der Auftritt von Musiktreibenden (der Spielmannszüge aus Bernhausen und Bonlanden der Freiwilligen Feuerwehr Filderstadt und 2026 – im 100. Jubiläumsjahr – des Posaunenchors Sielmingen) sowie die Ehrung der „Stillen Heldinnen“ und „Stillen Helden“ durch die Bürgerstiftung Filderstadt.

„Stimmung“ – nicht „Stimmungsmache“

Zu den traditionellen Programmpunkten dieser Großveranstaltung gehört auch die Neujahrsrede des Stadtoberhaupts. 2026 stellte Christoph Traub seine Gedanken unter die zentralen Begriffe: „Stimmung“, „Erleben“ und „Stimme“. Dabei warnte er ausdrücklich vor der meist negativen „landläufigen Stimmungsmache“. Diese habe mit dem „Wahrnehmen, Aufnehmen und Ernstnehmen einer tatsächlich vorhandenen Stimmung“ nichts gemein.

In seinen Worten unterstrich der Oberbürgermeister, dass er sehr bewusst auf die „Stimmung“ (sprich „das Gefühl, das aus dem Erlebten resultiert“) in der Bevölkerung achte. Seine Fragen an ALLE Filderstädterinnen und Filderstädter: „Wie erleben Menschen ihre Stadt, ihren Wahlkreis, ihr Land, ihren Staat, diese Welt?“ Um diese und andere Antworten zu finden, versuche er, „in und für Filderstadt bei möglichst vielen Gelegenheiten präsent und unter Menschen zu sein“.

Dabei verschließe er keineswegs die Augen vor der Lebensrealität, den Sorgen und dem Leid der Menschen hier vor Ort (Verlust des Arbeitsplatzes, Straftaten, Krieg in der Ukraine, der Überfall der Hamas auf Israel,…). Traub: „Letztlich ist Filderstadt auch Teil der Welt. Und das Erleben lässt sich für viele unter uns nur noch schwer einordnen – vom Ertragen und Verarbeiten will ich gar nicht sprechen.“ Und er wisse, dass Viele mit den täglichen Nachrichten kämpften – und dies bereits über lange Zeit, sodass sie inzwischen müde und erschöpft seien.

„Worauf stimme ich Sie jetzt ein?“

„Worauf stimme ich Sie jetzt ein?“, fragte Christoph Traub – auch angesichts der „augenblicklich nicht einfachen Haushaltslage unserer „Stadt“ das Publikum in der FILharmonie. Sein Statement zur Finanzlage: Filderstadt stehe – wie die meisten anderen Kommunen auch – vor dem ganz konkreten Problem, dass die vielfältigen Aufgaben (klassische wie „von oben herab“ delegierte) nicht mehr selbst aus dem städtischen Haushalt heraus zu finanzieren seien. Das Stadtoberhaupt: „Wir haben im Kern kein Einnahmen- und auch kein Liquiditätsproblem.“ Die strukturellen Schwierigkeiten lägen, so der Verwaltungschef, vielmehr in einer „enormen Aufgabenlast, die uns von Bund und Land übertragen – aber nicht ausreichend finanziert – wird.“ Als Beispiele hierfür nannte er unter anderem den Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung im Grundschulbereich, den Glasfaserausbau, die Wärmeplanung,… 

Ungeachtet dieser prekären Situation wehrt sich das Stadtoberhaupt dennoch, sich dem „Schicksal zu ergeben“. Er fordert vielmehr, dass sich aus diesen schwierigen Vorgaben heraus „Haltung, Stärke und Antrieb“ entwickeln. Die Große Kreisstadt Filderstadt habe ihre finanzielle Situation klar analysiert und daraus drei Schritte für ihr Handeln abgeleitet:

  1. Aufgabenkritik (Was kann zurückgestellt oder aufgegeben werden?)
  2. Hinterfragung von Standards (Was geht auch einfacher, anders oder mit weniger?)
  3. Anpassung des Stellenplans und der Verwaltungsstruktur (neue Wege gehen – in der Zusammenarbeit, in Prozessen und Abläufen).

Diese Entwicklungen in der Stadt würden in den kommenden Wochen und Monaten transparent kommuniziert.

„Welche Aufgaben können wir in Zukunft noch wahrnehmen?“

Christoph Traub: „Wir stellen uns die Frage, welche Aufgaben wir in Zukunft neben den überbordenden Pflichtaufgaben noch wahrnehmen können und möchten.“ In einer zweiten Bewertung gehe es darum, wie die verbleibenden Aufgaben letztlich ausgestaltet würden und welche personellen Ressourcen dafür erforderlich seien. In seiner Rede forderte der Verwaltungschef einen öffentlichen Diskurs über die wesentlichen gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen – auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland, die sozialen Hilfssysteme, zur Bewältigung der Klimakrise, dem Erhalt der Energie- und Trinkwasserversorgung, der Verkehrswende und zur Neubewertung der Sicherheitslage.

Trotz zweifellos schwieriger finanzieller Situation erinnerte Traub daran, dass Filderstadt nach wie vor eine starke Gemeinschaft darstelle und auch 2026 in enormen Umfang in die Belange der Stadtgesellschaft investiere: zum Beispiel in die Sanierung des Gartenhallenbads, den Neubau von Gotthard-Müller-Halle und Jugendzentrum, in den Erweiterungsbau für das Elisabeth-Selbert-Gymnasium (ESG), die S-Bahn-Verlängerung, den Glasfaserausbau, die Neugestaltung der Karlstraße, das Stadtteilkonzept Plattenhardt, den Mobilitätshub am Bahnhof von Bernhausen, in Fördermaßnahmen für Vereine beziehungsweise das Ehrenamt, in Klimaschutzmaßnahmen,…

SEZ – einzigartig in Deutschland

Filderstadts Oberbürgermeister dankte abschließend allen Bürgerinnen und Bürgern für ihre stets offenen Worte – für ihre „Stimme“. Dabei merkte er mit Stolz an, dass die Große Kreisstadt und ihre Menschen traditionell nicht nur für sich, sondern auch für andere ihre Stimme erheben würden. Damit schaffte er auch den Brückenschlag zur Talkrunde zum 35-jährigen Bestehen der baden-württembergischen Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit (SEZ).

Auf dem Podium begrüßte Moderator Christoph Traub Philipp Keil, den Geschäftsführenden Vorstand der SEZ, sowie Paruar Bako, den Gründer und zweiten Vorsitzenden der Organisation „Greened Bridge e.V.“. Zur Erklärung: Die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg wurde 1991 – auf Initiative aus dem Landtag heraus – gegründet und ist einzigartig in Deutschland. Einer ihrer „Vordenker“ (Keil) war der ehemalige Landesvater Lothar Späth. Das SEZ-Selbstverständnis besagt: Das Handeln hier vor Ort (insbesondere das Konsumverhalten) hat Auswirkungen auf die ganze Welt. Daher sei die Pflege internationaler Beziehungen, Freundschaften und Partnerschaften sowie die Verantwortung für eine globale Welt erforderlich.

Philipp Keil wurde da noch deutlicher: „Baden-Württemberg lebt auf Kosten von anderen Menschen in der Welt.“ Daher müsse lokal Verantwortung gezeigt und global gehandelt werden. Seine Überzeugung: „Jeder Einzelne von uns kann etwas für sich und andere bewirken – insbesondere, wenn es um das eigene Konsumverhalten geht.“ In diesem Zusammenhang wies der Geschäftsführende Vorstand auf die große Bedeutung des Fairen Handels hin. Zur Info: Filderstadt geht seit über zehn Jahren diesen Weg.

Thema geht alle Menschen an

Die Welt stecke in einer „Nachhaltigkeitskrise“. Dieses Thema (auch das der sozialen Ungerechtigkeit), das bereits 2015 von den Vereinten Nationen aufgegriffen wurde, gehe alle Menschen an – auch Filderstadts Bevölkerung. Keil stellte klar, dass Entwicklungsarbeit längst nichts mehr mit der klassischen Entwicklungshilfe zu tun habe. Die Entwicklung des Globalen Südens müsse heute bei jedem Einzelnen beginnen, wirtschaftlich sowie nachhaltig gedacht werden und nicht „von einem abgehobenen Elfenbeinturm aus“ – sondern vielmehr auf lokaler Ebene („wo Realität stattfindet“) durch „Otto-Normal-Menschen“ erfolgen. Die SEZ erfüllt zweierlei Aufgaben: zum einen Bildungsarbeit (den Zusammenhang von Konsumverhalten hier vor Ort und Auswirkungen in der Welt aufzuzeigen), zum anderen das baden-württembergische wie deutsche Engagement zu fördern, Brücken zu anderen Ländern zu bauen.

Der zweite Talkgast Paruar Bako stellte „seine“ Organisation – „Greened Bridge e.V.“ – vor. Nach dem Genozid (Völkermord) an Jesidinnen und Jesiden im Irak traf der damalige Student elternlose Kinder und gründete darauf die größte Waisenschule des Landes und Kurdistans. Zur Erinnerung: 2014 hatte der Islamische Staat (IS) einen Genozid an Jesidinnen und Jesiden verübt. Männer wurden von ihren Familien getrennt und getötet, rund 7.000 Mädchen und Frauen verschleppt und diese anschließend missbraucht, auf Sexportalen verkauft oder umgebracht. Im Projekt „Greened Bridge“ lernen Kinder und Jugendliche, die nach diesem schrecklichen Erleben als Waisen aufwachsen müssen, neben der für sie errichteten Schule, Bäume zu pflanzen, Setzlinge zu ziehen,… Denn der Irak gehört weltweit zu den vier Nationen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind (Temperaturen bis 50 Grad, keine Schattenplätze, kein fließendes Wasser, keine zuverlässige Stromversorgung,…). Paruar Bako: „Ohne unsere Organisation hätten die Waisen keine Hoffnung.“

Von Mitmenschlichkeit und Hoffnung

Keil wie Bako dankten abschließend Baden-Württemberg, Deutschland und nicht zuletzt Menschen wie Christoph Traub für ihr großes Engagement mit Weitblick – letztlich für ihre „Stimme“ für die Welt. Ihr Appell: nicht nur auf das eigene Wirtschaftswachstum (um jeden Preis) im Land zu achten. Vielmehr sich fragen: Was macht uns Menschen wirklich aus? Die Antwort der Talkgäste: „Dies sind vielmehr Eigenschaften wie Mitmenschlichkeit und das Tragen von Verantwortung für die eine – unsere gemeinsame – Welt. Das gibt uns viel Hoffnung.“ (sk)